Leseprobe: Anton Kummers unheimliche Begegnung
Mit acht Jahren hatte Anton Kummer die wichtigste Begegnung seines Lebens gehabt. Mit den anderen Kindern der Straße umringte er einen fliegenden Händler, der Hosenträger verkaufte. Der Mann hatte Gustav, Antons großen Bruder, dazu auserkoren, das eine Ende der Hosenträger festzuhalten, und lief, das andere Ende der Hosenträger in der Hand, Schritt für Schritt den Bürgersteig entlang, um die, wie er anzupreisen nicht müde wurde, sagenhafte Dehnkraft seines Gummiwunders zu demonstrieren. Fast drei Meter betrug schließlich der Abstand zwischen Gustav und dem Händler. Während die anderen Kinder gebannt zusahen und Wetten abschlossen, ob die Hosenträger im Falle des Reißens Gustav oder dem Händler ins Gesicht schnalzen würden, hatte Antons ganze Aufmerksamkeit einem Mann gegolten, der die Szene fotografierte. Der Mann war eher klein, trug einen Anzug, ein rotes Hemd mit Krawatte und eine Baskenmütze. Trotz dieser auffallenden Aufmachung war er wie mit der Umgebung verschmolzen. Selbst Anton wußte nicht, seit wann er dort stand und wann er das große Stativ und die Kamera aufgebaut hatte. Anton hatte schüchtern immer wieder zu dem Mann gesehen, der ihn schließlich mit einer kleinen Bewegung zu sich herwinkte. Er stellte sich Anton als Willy Römer vor. Willy Römer erklärte ihm die Kamera. Er gab ihm die Adresse seiner Bildagentur und versprach ihm einen Abzug.
Als Anton nach Tagen des Haderns schüchtern bei der Agentur auftauchte, hatte Römer tatsächlich das Bild für ihn hinterlassen. Anton starrte auf die Fotografie. Im Vordergrund stand Gustav, dem die Haare nach allen Seiten abstanden, die straff gespannten Hosenträger in den Händen, die sich von der linken Bildhälfte bis ins beinahe Unendliche zu dem Händler dehnten. Anton war damals gar nicht aufgefallen, daß unter den Ärmeln seines Jackets große Schweißflecken prangten. Jetzt sah er sie. Um Gustav, den Händler und das Gummiwunder drückte sich staunend und feixend die Traube von Kindern. Anton war, als habe Römer den Augenblick nicht nur für immer festgehalten, sondern auch auf zauberische Weise echter gemacht. Seitdem wußte er, daß er Fotograf werden wollte. Und Willy Römer wurde sein großes Vorbild. Wo er konnte, versuchte er heimlich, Zeitungen und Illustrierte auf der Suche nach seinen Fotos durchzublättern. Das verblichene, rote Hemd, das er anhatte, hatte er einem Lumpensammler stibitzt. Die Baskenmütze hatte ein junger Mann, der aussah wie ein Maler, auf einer Parkbank vergessen. Beides trug er seitdem ununterbrochen, egal, wie sehr die anderen Kinder lachten und seine Mutter schimpfte. Aber er war zu schüchtern, um bei der Bildagentur nach Willy Römer oder gar einer Lehrstelle zu fragen. Er traute sich nicht einmal, sich als Stativjunge zu bewerben.
Daß er trotzdem an eine Kamera gekommen war, grenzte an ein Wunder. Um nichts in der Welt hätte er sie aufgegeben. Aber genau das hätte er tun müssen, wenn er nun vor dem Mann, der ihm zielstrebig entgegenkam, weglaufen würde. Die Kamera war viel zu schwer, um mit ihr wegzurennen. Und sie war aufs Stativ gesetzt. Anton hatte gerade eine Glasplatte eingeschoben, um die Arbeitslosen zu fotografieren, die ihr Geld in Bier und Glücksspiel umwandelten, als er den Mann entdeckte, der ihn beobachtete. Der Mann war ihm unheimlich. Anton beschloss zu tun, was er immer in unberechenbaren Situationen tat: abwarten.
